(Aus)bildungsgerechtigkeit – Politiker und Teilnehmer kommentieren

Dass der Einstieg in das Berufsleben vielen nicht leicht fällt, ist nichts neues. Bei der aktuellen Jugendarbeitslosigkeit drängt sich aber die Frage auf: Ist es an der Zeit, eine Ausbildungsgarantie in Deutschland einzuführen?

Das Bundesministerium im Hintergrund, ihr Leitspruch im Fokus: Gleiche Chancen werden groß geschrieben. Foto: Johannes Kolb

Immer mehr Ausbildungsplätze werden in Deutschland gebraucht – vermehrt auch für Geflüchtete, von denen rund die Hälfte unter 25 Jahren ist. Bei den JugendPolitikTagen 2017 gingen verschiedene Expertinnen und Experten im Rahmen eines Forums der Frage nach, wie man die hohe Nachfrage für Ausbildungsplätze stillen und einen gerechten Zugang schaffen kann. Nach dem aktuellen Kinder- und Jugenbericht bekam jeder dritte der rund 800.000 Jugendlichen, die sich 2016 für einen Ausbildungsplatz bewarben, keinen Platz. Zusätzlich seien derzeit 1,2 Millionen Menschen der 20-29 Jährigen ohne Berufsabschluss. Die Gründe für Jugendarbeitslosigkeit sind vielschichtig, genau wie deren Lösungsansätze.

Österreich als Vorbild

Veronika Litschel, Mitarbeiterin des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung, berichtet von der Situation in Österreich. Dort sichere die sogenannte Ausbildungsgarantie, dass der Arbeitsmarktservice – in Deutschland die Arbeitsagentur – jedem Jugendlichen mindestens einen Ausbildungsplatz bietet. Dies sei vor allem deshalb eine wichtige Strategie, da ein formaler Berufsabschluss, für einen erfolgreichen Einstieg in das Arbeitsleben und das spätere Erlangen von Sozialleistungen, unabdingbar sei. Die gesetzliche Vorschrift müsse jedoch auch durch eine ausreichende Zahl an Ausbildungsplätzen in den Betrieben garantiert werden. Lisa Paus, Mitglied des Bundestages von Bündnis 90/Die Grünen, merkt an, dass nur 20% der Betriebe in Deutschland ausbilden.

Geld darf keine Rolle spielen

„Auch ich glaube, dass es sinnvoll ist, die Verbindlichkeit zu schaffen, die durch ein Gesetz ausgelöst wird“, erklärt Fritz Felgentreu von der SPD-Bundestagsfraktion. Zur Überlegung, dass die Kosten einer Ausbildungsgarantie zu hoch wären, begegnet er mit der Aussage, dass Geld keine Rolle spielen dürfe: „Am Ende ist es viel teurer, jemanden, der keine Ausbildung hat, ein Leben lang über die Versorgungssysteme zu begleiten“.
Auch Rosemarie Hein, Abgeordnete der Linken im Bundestag, spricht sich für eine bundesweite Ausbildungsgarantie aus. Sie fordert außerdem, dass sie in das Grundgesetz aufgenommen werde. Auch Abschlüsse von Geflüchteten oder Migrierten sollten in Deutschland anerkannt werden, damit sie schneller ins Berufsleben einsteigen könnten.

Was denken junge Menschen über Ausbildung und Berufseinstieg?

Marit Scholich, Studentin der Sozialen Arbeit in Jena, ist im Kindernetzwerk aktiv. Der Verein setzt sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit seltenen chronischen Erkrankungen und Behinderungen ein. Sie merkt an, dass die Ausbildungsgarantie eine quantitative statt qualitative Lösung anstrebt. Wichtig sei, junge Menschen schon in der Schule aufzuklären, welche Ausbildungsmöglichkeiten es gebe oder auch direkte Ansprechparterinnen und Ansprechpartner zu suchen. „Qualität beinhaltet natürlich auch, dass aus allen sozialen Bereichen, ob mit Behinderung oder ohne, eine Garantie geschaffen werden muss“, erklärt sie.

Der 16-jährige Gymnasiast Tayyab Mohammad berichtet von dem Leistungsdruck, der oft an Gymnasien besteht. Von der Ausbildungsgarantie habe er erstmals in der Landesschülervertretung Hessen erfahren. „Es ist wichtig, Schülerinnen und Schülern, die nicht den Anspruch haben zu studieren, ebenso eine Vielfalt an Möglichkeiten zu bieten wie denen, die studieren wollen.“ Elitenbildung könne man nur verhindern, in dem man allen gerechte Berufsorientierung gebe. „In dem elitären System, in dem wir uns befinden, wird eine Ausbildung gesellschaftlich nicht so angesehen wie ein Studium. Eine Ausbildungsgarantie wäre eine Möglichkeit, aus politischer Sicht Ausbildungen gleich anzuerkennen“, lautet sein Fazit.

Auf große Unterschiede innerhalb der Länder Deutschlands weist der 18-Jährige Vincent Schreiber hin. Nicht nur die Unterschiede im Schulsystem, sondern auch in der Wirtschaft schafften ungleiche Voraussetzungen. Wirtschaftsstarke Länder wie Baden-Württemberg oder Bayern suchten händeringend nach Auszubildenen und versuchten mit dem dualen System auch am Studium interessierte Menschen anzusprechen. „Die Unternehmen sind international vernetzt und schauen auch immer mehr ins Ausland. Auch aus Portugal oder Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist, holen sie Auszubildende.“ Eine Idee sei, auch in anderen Bundesländern Ausbildungsplätze zu garantieren und so einen Ausgleich der Defizite zu schaffen.

Binnur Cavuslu

About Binnur Cavuslu

Binnur Çavuşlu hat in Marburg und Nottingham Medien- und Kulturwissenschaft studiert und schreibt gerne zu interkulturellen, feministischen und politischen Themen.

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